Norbert Krampf über Tim Berne

Eskapistischer Wohlklang scheint dem stilwilligen Berne so fremd wie eine Sternformation außerhalb unseres Universums. Stattdessen entfacht er mit seiner Band einen irritierend faszinierenden Orkan aus rhythmischen Patterns und Phrasen, dynamischen Variationen und Verdichtungen. Bernes Saxophon und Oscar Noriegas Klarinette zwitschern wie vom Sturm zerzauste Vögel, ihre nervösen Modulationen werden von den übrigen Musikern wahlweise reflektiert oder befeuert.
Harmonien oder gar Melodien sind rar, an ihre Stelle treten lange, mäandernde Notenketten aus dem Stegreif, die enorm unter Spannung stehen und dem Hörer wenig zum Festhalten bieten. Als Reling fungieren allenfalls wuchtige Flügel Akkorde in tiefen Registern, die bisweilen den fehlenden Bass ersetzen; manchmal übernimmt auch Noriegas Bassklarinette diese Rolle, wenn er repetitive Themen zirkulieren lässt.
Selbst in den beiden etwas ruhigeren Stücken vermeidet das Quintett vordergründige Schönheit. Zwischen dem ruppigen Aufbrausen der gesamten Band ergeben sich immer wieder wechselnde auch mal filigrane Duette oder gar Solo Passagen, die nur ganz zart begleitet werden. Die größten Amplituden erzeugt der in Jazz wie Progressive Rock versierte Schlagzeuger Ches Smith. Auf dem Vibraphon klöppelt er atmosphärische, schwebende Klänge, eine Orchesterpauke setzt er ebenso nuanciert ein. Sein Schlagzeug streichelt Smith manchmal behutsam mit Besen, um es wenig später mit heftigen Hieben auf Trommeln, Becken und einen China Gong zu traktieren. Wie Smith gehört der 1975 geborene Pianist Matt Mitchell zu, den Jüngeren in der Band. Sein Spiel, das auch direkte Griffe in die Saiten des Flügels einschließt, zeigt eine größere Nähe zu Neuer Musik als zu ursprünglichen Jazz Mustern. Noch weiter von gängigen Skalen entfernt sich Ryan Ferreita, in’dem er seine E Gitarre mittels elektronischer Effekte vor allem als Quelle für abstrakte Sounds nutzt.

Tim Berne’s Snakeoil ist vermutlich das Radikalste, was die Jazz Initiative Frankfurt , als Programmgestalter der Reihe „Jazz im Palmengarten“ in den vergangenen Jahren auf die Bühne gebracht hat. Die New Yorker fordern heraus, Bernes charakteristische Verbindung von ausgeklügelten Strukturen und freien Improvisationen, die Detailschärfe und Komplexität vieler Passagen erscheinen als kompromisslose Antithese zu Easy Listening. Zweifellos keine leichte Kost für Hörer, die gerade erst begonnen haben, Jazz zu entdecken. Der anhaltende Regen hatte Zuschauer abgehalten, die auch wegen der hübschen Umgebung gern zu Konzerten in den Palmengarten kommen. Übrig blieben an diesem denkwürdigen Abend hart gesottene Fans mit Regenschutz, die aufmerksam die Eskapaden der Band verfolgten und bejubelten. Ihre Wetterfestigkeit wurde reich belohnt.

NORBERT KRAMPF am 8.8.2016 [FAZ]